Sich balancieren und die eigene Mitte finden

Wenn die (evolutionären oder gesellschaftlichen) Umfeldentwicklungen neue Kompetenzen erforderlich machen – wie die Lern- und Veränderungsfähigkeit – dann ist es wichtig, dass auch der Gegenpol gestärkt wird: die Entspannungsfähigkeit und Gelassenheit. Sonst gerät die Persönlichkeit aus ihrer Balance. Vereinseitigungen im Leben, also Entkoppelungen von ihrem sinn- und spannungsstiftendem Gegenpol, führen häufig zu psychischen Störungen.

Unsere arbeitsteilige Gesellschaft legt jedem von uns nahe, eine „Spezialisierungs-Strategie“ zu verfolgen, um beruflich erfolgreich zu sein. Dies erlebt jeder hautnah und wird darin bestätigt, wenn er seine erste berufliche Stelle antritt: Er wurde aufgrund seiner spezifischen, meist fachlichen Fähigkeiten ausgewählt. Dennoch ist diese Spezialisierungs-Strategie nicht unproblematisch – und sollte unseres Erachtens um eine Balance-Strategie ergänzt werden.

Beispiel: Eine neue Balance zwischen den Geschlechtern

Beim aktuellen Prozess der Weiterentwicklung der Geschlechterrollen zeigt sich die damit verbundene Problematik besonders deutlich: Frauen bekommen die Kinder und haben die biologisch besseren Voraussetzungen für die frühkindliche Überlebenssicherung (Nähe-Kompetenzen). Männer sind dadurch frei gestellt und geeigneter, für die Außenversorgung und –Verteidigung (früher beispielsweise durch die Jagd und andere Distanz-Kompetenzen). Daraus haben sich die traditionellen, überlebenssichernden „Spezialisten“-Geschlechter-Rollen ergeben – mit ihren typischen Nebenwirkungen:

  • Männer dominieren das Berufsleben und gestalten es nach ihrem gewohnten kampforientierten Rivalitäts-Paradigma. Frauen und das „weibliche“ Kooperations-Paradigma fanden erst langsam im Rahmen der Emanzipations-Bewegung auch in der Berufswelt Akzeptanz. Entsprechend werden Frauen im Berufsfeld benachteiligt. Untersuchungen zeigen, dass Unternehmen mit stärkerem Frauenanteil auf Vorstandsebene höhere Produktivität als „männlich“ geführte Unternehmen aufweisen. Die „Männerwelt“ kann also von einem stärkeren Fraueneinfluss profitieren. Gilt das auch umgekehrt?
  • Frauen dominieren das Familienleben und gestalten es nach ihren Stärken und Spezialitäten. Das erlaubt den Männern, sich verwöhnen zu lassen, wie die Kinder und es sich als „Paschas“ gut gehen zu lassen. Entsprechend bleibt ihre Bereitschaft und Fähigkeit, im Haushalt mitzuhelfen und schon früh als Väter ihre emotionale Beziehung zu ihren Kindern aktiv aufzubauen, also ihre „Nähe-Potentiale“ zu entwickeln, begrenzt. Die aktuellen Erfahrungen der „neuen Väter“, besonders wenn sie die Eltern-Zeit nutzen, zeigen, dass sie dazu nicht nur in der Lage sind, sondern ihre Nähe-Kompetenzen durchaus mit Spaß und innerer Befriedigung gemeinsam mit ihren kleinen Kindern entwickeln können. Sie lernen, ihre „weiblichen Potentiale“ zu entwickeln, zu integrieren und situativ zu leben. Das hat sicher auch Einfluss auf die Partnerbeziehung. Jedenfalls ist denkbar, dass sich das emotionale Verständnis der Geschlechter füreinander verbessert – mit potentiell positivem Effekt auf die Paar- und Familien-Kommunikation und -Beziehung.

Eigenentwicklungs-Anregungen zur balancierten Selbst-Entwicklung

Unsere Empfehlung für die Eigenentwicklungs-Richtung unserer Teilnehmer ist eine analoge: Investiert Eure bewusst eingesetzte Energie und Zeit für Selbstentwicklung nicht in die Persönlichkeitsbereiche, in denen Ihr ohnehin schon gut seid, sondern in jene, die bei Euren bisherigen „Spezialausbildungen“ zu kurz gekommen sind – in Familie, Peergroup, Schule und Beruf! Der pragmatische Grund: Die bestehenden „Spezialisten-Stärken“ werden durch die normalen Anforderungen ohnehin genügend im Alltag trainiert. Es besteht also kein Anlass zur Sorge, dass diese verloren gehen. Für die „unterentwickelten Persönlichkeitsbereiche“ lassen sich oft gerade am Anfang mit relativ geringem Trainingsaufwand spürbare Entwicklungen erzielen.

(Quelle: Die weichen Faktoren der Führung, mtt-Werkstattberichte)